Theologie morgen
  Vortrag über Schuld und Vergebung
 

Christliches Reden von Schuld und Vergebung

in der Sicht von Hirnforschung und Evolutionstheorie

 

 

 

Zwei gegenläufige Entwicklungen sind zur Zeit im Bereich christlichen Glaubens zu beobachten: eine wachsende Entfremdung zwischen erfahrener Realität und biblischer Verkündigung auf der einen und das Anwachsen fundamentalistischer Frömmigkeit auf der anderen Seite.

 

Theologie und Naturwissenschaft sind in dieser Situation herausgefordert, das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft wieder neu deutlich zu machen. Dazu soll dieser Versuch beitragen, der ein Kernthema christlicher Verkündigung unter naturwissenschaftlicher Perspektive entfaltet.

 

Die beiden Wissenschaftsbereiche, die von Religionskritikern am häufigsten zitiert werden, sind die Hirnforschung und die Forschungen zur Evolutionstheorie. Beide haben sich in den letzten 20 Jahren intensiv entwickelt. Sie haben viel Kompliziertes und Faszinierendes, aber auch Widersprüchliches hervorgebracht.

 

So wird zum Beispiel von einigen Hirnforschern vehement bestritten, dass es eine irgendwie geartete Kommunikation zwischen menschlichen Gehirnen und einer körperlosen göttlichen Instanz geben könnte, während andere behaupten, das Areal im Gehirn gefunden zu haben, wo eben diese Kommunikation stattfindet. Beide Positionen überschreiten die Grenzen ihrer Wissenschaft.

 

Wer auf dieser spekulativen Ebene mit Forschungsergebnissen umgeht, verdeckt die eigentliche Leistung der Hirnforschung und der Evolutionstheorie für ein klares und nüchternes Verständnis vom Menschen als Grundlage  von Glaube und Ethik.

 

Die lebhaften Auseinandersetzungen innerhalb der Hirnforschung können in diesem Rahmen nicht dargestellt werden. Notwendig sind aber einige zusammenfassende Informationen zur grundlegenden Struktur und Arbeitsweise des Gehirns.

 

Ich habe mich bei meiner Auswahl leiten lassen von der Frage nach der Schuldfähigkeit des einzelnen Ich, nach der Vernetzung als Grundstruktur von neuronalen und sozialen Ereignissen und nach der möglichen Funktion von Vergebung in den sozialen und gesellschaftlichen Prozessen.

 

Die Frage nach der Funktion von Vergebung stellt sich im Bereich der Naturwissenschaften besonders unter der Perspektive der Evolutionstheorie. 

 

 

 

1.     Vergebung in der Predigt Jesu von Nazareth

 

„Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern...“

Das Vaterunser wird meistens in meditativer Aufmerksamkeit und eher selten mit kritischem Bewusstsein gesprochen. Wäre es anders, dann würde die fünfte Bitte dieses Gebetet vielleicht öfter Beunruhigung auslösen bei dem nachgestelltem Satz "wie wir vergeben unseren Schuldigern". In einigen Übersetzungen heißt es sogar "wie wir haben vergeben unseren Schuldigern". Das Gebet bindet also die von Gott erbetene Vergebung an die Vergenungsbereitschaft der Beter und Beterinnen.

 

Auch den Zuhörern Jesu war diese Frage offenbar wichtig. Auf die Frage des Petrus, wie oft er denn seinem Bruder, der an ihm schuldig wurde, vergeben müsse und ob siebenmal ausreiche, antwortet Jesus mit „siebenundsiebzigmal“. Damit nennt er eine Zahl, die seinen Zuhörern bekannt ist aus dem 4. Kapitel des ersten Buches Mose. Es geht dort um die Nachkommen Kains, namentlich um Lamech. Der verkündet seinen Frauen: „Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“

 

Die Sieben ist in der Zahlensymbolik der Bibel das Symbol für die göttliche Lebensordnung, in der jedes menschliche Leben für die Menschen unantastbar ist. Lamech hat mit seiner unbegrenzten Racheforderung diese Lebensordnung zerstört. Die Antwort Jesu setzt sie mit seiner Forderung nach unbegrenzter Vergebung wieder in ihr Recht ein.   

 

Und in dem dann folgenden Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, der seinen Schuldner ins Gefängnis bringt, obwohl ihm selbst eine große Schuldensumme erlassen wird, lässt er keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der göttlichen Forderung. „Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.“ Schon hier wird deutlich, in welchen Denkwiderspruch Theologie gerät bei der Frage, ob Gottes Vergebung unbegrenzt sei. Wir kommen später noch einmal darauf zurück.

 

Was ist nun Vergebung: auferlegte moralische Last, die unter Strafandrohung getragen werden muss, oder reale Hilfe in der Wirklichkeit, in der wir leben?

Bleiben die biblischen Aussagen an das Weltbild von vor 2000 Jahren gebunden, oder zeigt sich ihre Geltung auch in einem wissenschaftlich bestimmten Welt- und Menschenbild von heute?

 

 

 

2. Schuld und Vergebung in der Perspektive der Hirnforschung

 

 

 2.1 Zur Struktur und Funktionsweise unseres Gehirns

 

Die Hirnforschung, die in ihrer Arbeit in den letzten 20 Jahren durch moderne Technologie und bildgebende Verfahren unterstützt wurde, kann dem Gehirn heute ein Stück weit beim Arbeiten zusehen. 

 

Dabei zeigt sich, dass die Arbeit des Gehirns immer rätselhafter wird, je mehr differenzierte Informationen über seine einzelnen Prozesse vorliegen. Unser Gehirn ist das komplizierteste Organ in der Geschichte des Lebens. Selbst nüchterne Wissenschaftler vergleichen seine Komplexität mit der des Universums.

 

Bei dem Versuch, sich die Komplexität unserer Hirnstrukturen vorzustellen, kann einem Menschen schon schwindlig werden. Allein die pure Zahl von 100 Milliarden Nervenzellen oder Neuronen im Gehirn eines erwachsenen Menschen ist kaum zu fassen, und erst recht nicht die Art ihrer Verbindung zueinander.

Denn sie sind nicht als feste Masse miteinander verschmolzen, sondern jede Nervenzelle schafft sich mit Nervenfasern, die aus ihr wachsen, ein höchst flexibles Kommunikationsnetz. Das verbindet sie je nach ihrer Funktion mit bis zu 150.000 anderen Neuronen.

 

Alle Daten, die für Körperprozesse und geistige Aktivitäten benötigt werden, werden als elektrische Impulse in Zeiträumen von Millisekunden durch dieses Netz geleitet. Die Spannungspotentiale, die dafür notwendig sind, werden durch chemische Prozesse in den Neuronen aufgebaut.

 

Dieses neuronale Kommunikationsnetz ist in ständiger Veränderung. Die Neuverschaltung von Verbindungen und das Wegnehmen von solchen, die nicht mehr gebraucht werden, geschieht in einem lebenslangen Prozess, der schon vor der Geburt beginnt.

 

Während des Gehirnaufbaus in der embryonalen Phase und in den Monaten nach der Geburt wird eine große Anzahl von Neuronen in bestimmten Funktionszentren im Gehirn angeordnet. Wie leistungsstark die einzelnen Zentren später sind, hängt weniger von der Menge der Neuronen ab als von der Menge und Struktur ihrer Vernetzungen untereinander. Die wiederum werden wesentlich bestimmt davon, wie intensiv ein bestimmtes Zentrum von einem Menschen genutzt wird.

 

Mit jeder Erfahrung, die ein Mensch macht, mit jeder Handlung, mit jedem Gedanken werden neue Vernetzungen von Neuronen geschaffen.

 

Das Ich-Bewusstsein ist wie alle differenzierten Leistungen des Denkens hauptsächlich mit den Aktivitäten des größten Hirnzentrums, des Cortex, verbunden. Der ist aber seinerseits vielfach neuronal vernetzt und kooperiert mit wechselnden anderen Hirnzentren.

 

Darunter sind auch solche, die auf den ersten Blick mit intellektuellen Leistungen gar nichts zu tun haben, die etwa zuständig sind für Bewegung, für unterschiedlichste emotionale Zustände, für soziale Fähigkeiten, für ganz alte Reaktionsmuster aus frühen Evolutionsphasen wie Flucht- und Kampfimpulse.

Sie alle können einbezogen sein in das Urteilen und Handeln des bewussten Ich.

 

 

 

2.2 Das Ich-Bewusstsein in seinen Abhängigkeiten

 

Also ist das Ich-Bewusstsein keine stabile Größe mit festem Ort im Gehirn, sondern selbst ein lebenslanger Prozess. 

 

Die Abhängigkeit des bewussten Ich von der physischen Grundlage der Hirnprozesse wird deutlich, wenn wir ihre Störanfälligkeit anschauen. Durch Krankheiten, Vergiftungen, Unfälle, genetische Fehler, durch Hunger, Kontaktmangel oder Gewalterfahrungen im Kindesalter können die Hirnprozesse erheblich beeinträchtigt oder gestört werden.

 

Eine schwere Verletzung im Stirnbereich kann zum Beispiel einen Menschen von heute auf morgen in seinem Charakter vollständig verändern, wenn das Zentrum betroffen ist, in dem grundlegende soziale Fähigkeiten angelegt sind.

Wenn solche Beeinträchtigungen der bewussten Handlungsfähigkeit bis in den Bereich der geistigen oder psychischen Erkrankung reichen, sind die Menschen im Umfeld meistens bereit, die Betroffenen nicht oder nicht voll für sein Reden und Handeln verantwortlich zu machen.

 

Aber in den zwischenmenschlichen Begegnungen des Alltags mit seinen Konflikten spielen Überlegungen zu der physischen Basis von Verhalten kaum eine Rolle. Dort wird das bewusste Ich als eine Instanz gesehen, die sich frei für moralisches Handeln entscheiden kann und soll. Folglich spielen in Erziehung und Rechtsprechung die Kategorien Schuld und Strafe immer noch eine entscheidende Rolle, wenn Menschen die geforderten moralischen Leistungen nicht erbringen

 

 

 

2.3 Die Frage nach der Schuldfähigkeit  des Menschen

 

Nur wenn das bewusste Ich eines Menschen die Möglichkeit hat, zwischen mehreren Handlungsoptionen zu wählen, kann man ihm für bestimmte Entscheidungen Schuld zuweisen.

 

Seit Jahrhunderten arbeiten sich Theologen und Philosophen unter der Frage „Hat der Mensch einen freien Willen“ an diesem Problem ab. Mit der Entstehung der modernen Psychologie, insbesondere der Tiefenpsychologie, wurde diese Frage ein wichtiger Bereich ihrer Forschung. Die Entdeckung des Unbewussten, vor allem in den Arbeiten von Sigmund Freud und C.G. Jung, machte klar, dass das Ich-Bewusstsein eines Menschen nicht uneingeschränkt Herr im eigenen  Haus ist, dass viele seiner Entscheidungen von unbewussten Erfahrungen und Wünschen geprägt sind.

 

Die Aufklärung der schwierigen und komplexen Prozesse im menschlichen Gehirn durch die Hirnforschung hat die Skepsis der Tiefenpsychologen gegenüber dem „freien Willen“ ein  Stück weit bestätigt. 

 

In den 80er Jahren hat der kalifornische Neurophysiologe Benjamin Libet in vielen Versuchen die Zeitspanne gemessen zwischen dem bewussten Intendieren einer Bewegung und dem Aufbau des nötigen Aktionspotentials in den Neuronen des Gehirns.

 

Dabei zeigte sich, dass nicht etwa zuerst das Wollen und sofort darauf die physikalische Reaktion in den Neuronen erfolgte, sondern umgekehrt der Spannungsaufbau in den Neuronen um den Bruchteil einer Sekunde früher kam als das bewusste Wollen der Bewegung. Der Körper hatte sich sozusagen vor dem Bewusstsein zu einer Handlung entschieden.

 

Nimmt also das bewusste Ich nur nachträglich zur Kenntnis, was andere, unbewusste Instanzen im Gehirn schon vorher entschieden haben? Das würde gegen eine Schuldfähigkeit des Menschen sprechen. Und in der Tat gibt es deshalb Hirnforscher und Juristen, die fordern, die Kategorie „Schuld“ aus der Rechtsprechung zu entfernen. 

 

Libet selbst, der sich der Tragweite dieser Ergebnisse bewusst war, schloss diesen Untersuchungen eine neue Versuchsreihe an. Er konnte nachweisen, dass ein im Gehirn schon eingeleiteter Impuls in dem Moment des Bewusstwerdens abgebrochen werden kann. 

 

Er schloss daraus, dass das Ich-Bewusstsein sozusagen eine Veto-Möglichkeit hat und so spontane Handlungen kontrollieren kann.

 

Er verwies auch darauf, dass dies unserer Alltagserfahrung entspricht. Und ich kann mir viele Situationen vorstellen, in denen wir ganz offensichtlich in der Lage sind, uns von einem Impuls zu distanzieren.

 

So lässt sich für mein Verständnis aus diesen Versuchen, die sich zudem ja nur auf einfache Bewegungsabläufe und nicht auf komplexe geistige Leistungen beziehen, nicht die grundsätzliche Schuldunfähigkeit des Menschen ableiten.

 

 

2.4  Moralische und soziale Kompetenz als Bündelung erlernter Fähigkeiten

 

Wichtiger für unsere Frage als die Diskussion über die Freiheit des bewussten Willens scheinen mir die Erkenntnisse der Hirnforschung zum Lernen zu sein. Denn auch die grundlegenden Fähigkeiten für soziale Kompetenz, der Wille, sich in andere Menschen einzufühlen, fair zu sein, zu helfen, für gerechte Lösungen einzutreten und auf Gewalt im Konflikt zu verzichten, alles moralische Urteilen und Handeln in diesem Sinne muss gelernt werden oder -neurologisch gesprochen- die neuronalen Bahnen dafür im Gehirn müssen geschaffen und vernetzt werden. Nimmt dieser Lernprozess einen negativen Verlauf, ist das daraus folgende Handeln eines Menschen der Bereich, in dem von Schuld geredet wird.  

 

Was passiert im Gehirn eines Kindes, das im Kleinkindalter wiederholt Erfahrungen mit häuslicher Gewalt macht?

 

Es reicht nicht, sich ein einziges Gedächtniszentrum im Gehirn vorzustellen, in dem die Gewaltgeschichten abgelegt werden wie in einem Archiv, das man verschlossen halten kann, wenn man das will.

Die Strukturen des gesamten Gehirns werden dauerhaft geprägt von häufigen Bedrohungssituationen.

 

Die neuronalen Vernetzungen in den Zentren, die für Flucht oder Kampf in Gefahrensituationen zuständig sind, werden verstärkt. Das bedeutet eine erhöhte Gewaltbereitschaft oder eine erhöhte Neigung zu Depressionen. Dieses Kind muss später viel mehr Energie aufbringen als andere Menschen, um seine Aggressionen zu bändigen.

 

Je älter dieses Kind wird, desto ausgeprägter werden Mimik und Körpersprache die innere Situation sichtbar machen. Das erschwert positive soziale Kontakte, weil eine sympathische Ausstrahlung fehlt.

 

Seinem Sicherheitsbedürfnis entsprechend wird sich sein Denken und Urteilen eher an vorgegebenen Regeln und Mustern orientieren. Die entsprechenden Areale im Gehirn werden neuronal dichter vernetzt und darum immer eindeutiger bevorzugt. Die kreative Phantasie verkümmert. Das erschwert eine mögliche Selbstveränderung.

 

Im sozialen Bereich wird dieses Kind sich wahrscheinlich auch noch als Erwachsener sicherer fühlen in streng hierarchisch geordneten Strukturen. Das macht ihm das Leben in demokratischen Lebensformen schwer und erhöht  seine Anfälligkeit für fundamentalistische Aktivitäten aller Art.

 

Im schlimmsten Fall kann dieser Mensch die rationalen Möglichkeiten des Cortex zur Kontrolle der emotionalen Impulse und Wünsche gar nicht mehr einsetzen.

Wichtig ist mir bei der Beschreibung dieser Schäden durch Gewalterfahrungen, dass sie nicht als automatische Wirkungskette zu verstehen sind. Die Möglichkeiten der Hirnprozesse sind so zahlreich, dass Entwicklungen höchstens mit gewissen Wahrscheinlichkeiten vorausgesagt werden können. Immer wieder gibt es Beispiele dafür, dass Menschen sich ganz anders entwickeln, als Prognosen es erwarten ließen. Manchmal ist eine einzige tief berührende Begegnung, ein einziges aufrüttelndes Ereignis im wahrsten Sinn bahnbrechend für neue Wahrnehmungs- und Denkstrukturen in einer inneren Biographie.

 

 

 

2.5 Zwischenmenschliche Begegnung als Gestaltung der neuronalen Basis für morali-

      sches Verhalten  

 

 

Die Beschreibung möglicher Schäden durch frühe Gewalterfahrungen soll zweierlei sichtbar machen:

 

Zum einen ist es ungeheuer schwer für einen Menschen mit einer solchen inneren Biographie,  der moralischen Forderung der Liebe, die wir gern ins Zentrum der christlichen Ethik stellen, nachzukommen, weil nicht nur schmerzhafte Erinnerungen ihm den Zugang versperren, sondern die neuronale Basis seines Verhaltens nachhaltig beschädigt ist durch die von Gewalt geprägten Hirnfunktionen. Damit wird deutlich, dass Menschen nicht nach starren Normen beurteilt werden dürfen. 

 

Zum andern wird deutlich, dass der Input für unser Gehirn, der Anreiz zum Lernen, zum Knüpfen neuer Vernetzungen, von außen kommt und zwar, was das Erlernen von moralischem Verhalten angeht, aus Begegnungen mit Menschen.

 

Ich denke, dass es nicht falsch ist zu sagen, dass sich in den Begegnungen zwischen Menschen ihre neuronalen Prozesse vernetzen.

 

Denn eine Flut von Informationen fließt zwischen den sich Begegnenden: nicht nur gesprochene Sprache, sondern auch und vor allem die Signale von Stimme, Augen, Mimik, Gestik, die gesamte Körpersprache und nicht zuletzt das beobachtbare konkrete Handeln.  Das Ich-Bewusstsein (des Senders oder des Empfängers) nimmt  diese Informationen gar nicht immer wahr. Das hindert aber ihre Gehirne nicht daran, sie zu speichern und in die eigene innere Geschichte zu integrieren. Dort können sie gestaltende Kraft entfalten in neuen neuronalen Vernetzungen, in positiver wie in negativer Richtung.

 

 

 

2.6 Vernetzte Verantwortung

 

Das moralische Versagen eines Menschen, dessen innere Geschichte geprägt ist vom Mangel, ist auch das Versagen eines ganzen Menschennetzes. Und die Güte eines Menschen, dem in seiner inneren Geschichte viel Gutes zugefallen ist, ist auch die Güte eines ganzen Menschennetzes.  

 

Auf diese Weise sind Menschen überall in innere und äußere Biographien verantwortlich eingebunden, in vielen Fällen ohne dass sie das bewusst wahrnehmen oder je erfahren, ob ihr Anteil hilfreich war oder erschwerend.

 

Das nüchterne Bewusstsein, dass sich niemand nur sich selber verdankt, und dass dieser vernetzte Prozess gemeinsam zu verantworten ist, schützt vor überzogenen Schuldgefühlen ebenso wie vor Selbstgerechtigkeit. Und es macht deutlich, wie sehr alle Mitspieler in dieser Geschichte immer wieder angewiesen sind auf Chancen des Neubeginns, auch Vergebung genannt.

 

 

 

 

3. Schuld und Vergebung in der Sicht der Evolutionslehre

 

 

Bis hierher ist die Beschreibung der vernetzten Prozesse und Verantwortlichkeiten bezogen auf den überschaubaren Bereich der persönlichen Begegnungen im Verlauf unseres Lebens. Ungleich schwieriger wird das Nachdenken über Schuld und Vergebung, wenn es um die Verantwortung unserer Gesellschaft und letztlich auch der Weltgemeinschaft für die gefährdete Zukunft der Menschheit und des Planeten geht.

 

In der globalen Perspektive greifen die Möglichkeiten der persönlichen Erfahrung, der gegenseitigen sozialen Hilfe und Kontrolle, der Erziehung und Selbsterziehung nicht unmittelbar. Die schiere Zahl an Menschen und Lebensstrukturen ist so groß, dass sich spontan kein persönliches Interesse mehr herstellt. Obwohl wir über die Medien täglich eine Flut von Informationen ins Haus bekommen, spüren wir oft, dass die meisten Ereignisse uns anonym und weit entfernt bleiben.

 

Hier lohnt es sich, einen Blick auf die Forschungen zur Evolution des menschlichen Sozialverhaltens zu werfen.

 

 

3.1 Zu Darwins Überlebensprinzip des “survival of the fittest“

 

Charles Darwin, der die Evolutionstheorie entwickelte, erkannte als wichtiges Überlebensprinzip in der Entwicklung der Arten das „survival of the fittest“,das Überleben der Tüchtigsten. Gemeint war, wenn man seine Beispiele zu diesem Prinzip anschaut, das Überleben der Arten, die am besten an ihre Umgebung angepasst sind. Es ging also letztlich um ein ökologisches Prinzip.

 

Im Dienst einer Gesellschaft, die sich im 19. Und 20. Jahrhundert im kapitalistischen Geist entwickelte, wurde dieses Prinzip mit einer anderen Übersetzung in sein Gegenteil verkehrt als „das Überleben des Stärksten“. Damit konnte man den rücksichtslosen Konkurrenzkampf in Wirtschaft und Gesellschaft als Naturgesetz rechtfertigen, der für das Überleben der Menschheit notwendig sei.

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde durch die Entwicklung der Genforschung diese Linie fortgeführt mit der These, dass die tierischen und menschlichen Individuen letztlich in ihren Entscheidungen und Aktivitäten gesteuert würden durch ihre Gene, die wiederum nur ein „Interesse“ hätten, nämlich sich selbst fortzupflanzen und jegliche Konkurrenz auszuschalten.

 

Die Schlussfolgerung für das Menschenbild besagte: Die eigentliche Natur des Menschen ist egoistisch und aggressiv. Alle sozialen Kulturleistungen wie Mitgefühl, Solidarität, Kooperation, Verzicht auf Gewalt müssen seiner wahren Natur abgerungen werden.

 

 

 

3.2 Beobachtungen zur evolutionären Entwicklung von Sozialverhalten bei Primaten

 

Aber neue fossile Funde, verbesserte Untersuchungsmethoden und umfangreiche Beobachtungsstudien an Primaten, die wir ja wegen ihrer Verwandtschaft zu uns „Menschenaffen “ nennen, haben das aggressive Bild vom Menschen wieder verändert und Darwins These vom Überleben durch optimale Anpassung bestätigt.

 

Die Entwicklung der sozialen Intelligenz, das Lernen von Fähigkeiten, die Kooperation ermöglichen, Mitgefühl, Solidarität, Gefühl für Gerechtigkeit, Verzicht auf Gewalt, Bereitschaft, Schwache zu schützen, Versöhnungsbereitschaft, - das hat ganz offensichtlich schon bei unseren tierischen Vorfahren begonnen.

 

Das zeigen die langjährigen Beobachtungsstudien an verschiedenen Primaten. Zwar gibt es in ihren Gruppen eine deutliche Rangordnung, die auch aggressiv durchgesetzt und verteidigt wird, aber in den Grenzen dieser Rangordnung gehen die sozialen Leistungen weit über die Notwendigkeiten von Brutpflege und Nahrungsbeschaffung hinaus bis hin zum Trösten von Traurigen, Beschützen von Behinderten, aktiven Bemühungen zur Streitschlichtung.

 

Weiter zeigte sich, dass diese Verhaltensweisen nicht im Instinkt fest verschaltet sind, sondern erlernt werden.

Allerdings bezieht sich in der Regel das hoch entwickelte Sozialverhalten nur auf den eigenen Clan.

 

 

 

3.3 Zur Evolution des menschlichen Sozialverhaltens

 

So mag es auch bei den ersten umherstreifenden Jäger- und Sammlerhorden gewesen sein.

 

Die Tatsache allerdings, dass sie die äußerst lebensfeindlichen Bedingungen der letzten Eiszeit überlebt haben, die viele Tierarten von der Erde verschwinden ließ, lässt darauf schließen, dass sie unter diesem globalen Existenzdruck die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen Menschengruppen über den Clan hinaus entwickelt haben.

 

Dazu waren weitere Fähigkeiten wie einfache Formen der Zukunftsplanung, Verhandlungsstrategien und das Erkennen fremder Handlungsabsichten  notwendig. Alles das konnten nur Gehirne leisten, die nach neuen Erkenntnissen schon viele Jahrtausende vor den ersten Kulturleistungen (wie etwa die Beherrschung des Feuers oder das Herstellen von Werkzeug) in Größe und Struktur den modernen Gehirnen erstaunlich ähnlich waren.

 

Wo es so wichtige Übereinkünfte zum Überleben gibt, gibt es natürlich auch Individuen oder Gruppen, die versuchen, Ressourcen für sich abzuzweigen oder Verfügungsmacht zu erlangen. Also wird es in diesen Gruppen auch die Lüge, den Betrug, die Gewalt gegeben haben,  die in irgendeiner Form bestraft wurden. Aber nie durften darüber die wesentlichen Strukturen der Kooperation zerbrechen. Versöhnung und ihre Rituale waren also lebenswichtig.

 

 

3.4 Menschliches Sozialverhalten im Wandel gesellschaftlicher Strukturen

 

Wenn unser Urahn homo sapiens über viele Jahrtausende so gelebt hat, - und die Argumente dafür scheinen mir überzeugend - dann gehören Fairness, Solidarität, Verzicht auf Gewalt als Überlebensvorteil zur evolutionären Grundausstattung des Menschen.

 

Nun ist ja die weitere menschliche Geschichte bis heute, wenn man die Großstrukturen anschaut,  alles andere als eine Geschichte von Fairness, Solidarität und Gewaltverzicht. Zu finden sind aber diese alten menschlichen Fähigkeiten in Familie, Verwandtschaft, Freundschaft und jeder anderen Form von Zusammenschluß, sofern er eine überschaubare Zahl von Individuen nicht überschreitet.

 

Darum ist die Antwort, die Evolutionsforscher heute auf die Frage nach diesem Widerspruch geben, einleuchtend: Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa 6000 Jahren, mit der Bildung von Dörfern, Städten und Staaten, veränderten sich die sozialen Strukturen dramatisch. Die kritische Grenze einer Menge von 150 Menschen, innerhalb derer noch Clan- Beziehungen möglich sind, wurde schnell überschritten.

Danach wendete sich der soziale Zusammenhalt des Clans mit seiner hohen sozialen Innen-Moral gleichzeitig gegen konkurrierende Clans. Im Verhältnis zu Fremden galt (und gilt bis heute) eine Außen-Moral. Das Fehlen von persönlicher Beziehung und sozialer Kontrolle, der Verlust an Vertrauen, aber auch der schwindende globale Existenzdruck, machten aggressive Auseinandersetzungen und Machtkämpfe möglich und erstrebenswert.

 

Psychologen von heute bestätigen diese Grenze für das Clan-Verhalten von 150 Personen auch für den modernen Menschen. Das zeigt, dass 6ooo Jahre für die Dimensionen der Evolution keine lange Zeit sind. Die Analyse des menschlichen Sozialverhaltens von damals mit ihrer Aufteilung von Innen- und Außenmoral gilt noch heute.

 

Zu beachten ist dabei, dass sich im Lauf der menschlichen Kulturgeschichte neben dem natürlichen auch ein sekundäres Clan-Bewusstsein entwickelt hat - durch verfeinerte Methoden psychischer Beeinflussung und in der Neuzeit zunehmend durch die Vermittlung von Medien. Dabei geht die unmittelbare durch Erfahrung und Begegnung gestützte Beziehung der Individuen verloren. Erhalten bleibt das Bewusstsein einer Schicksalsgemeinschaft mit der typischen Trennung in eine Innen- und eine Außenmoral. Dieses sekundäre Clan-Verhalten ist wegen seines Mangels an persönlicher Erfahrung und Kontrolle leicht manipulierbar und für Machtinteressen zu missbrauchen.

 

 

 

 

3.5 Die moderne Überlebenskrise  als Herausforderung an die Lernfähigkeit unserer Gehirne

 

Nun wird immer deutlicher, dass wir heute an einem Punkt der Evolution stehen, an dem das Überleben der gesamten Menschheit gefährdet ist, was der Situation der damaligen Weltbevölkerung zu Beginn der Eiszeit durchaus ähnlich ist.

Wenn wir als Spezies Mensch überleben wollen, bleibt uns keine andere Möglichkeit als die,  im Bewusstsein weltweit vernetzter Verantwortung gemeinsam nach Überlebensmöglichkeiten zu suchen. Und das Prinzip, nach dem wir überleben können, zeigt sich in der Evolution nicht anders als in vielen Religionen: Solidarität, Respekt, Mitgefühl, Verzicht auf Gewalt und Rache -  moralisches Handeln in diesem Sinne, das nicht haltmacht vor den Grenzen des Clans, der Nation, der Klasse oder wie die Bezugsgruppen immer heißen mögen.

 

So müssen wir wie unsere frühen Ahnen unseren Gehirnen zumuten, etwas völlig Neues zu lernen. Und ich denke, wir sind schon mitten im Lernprozess. Sicher sind wir in unseren unmittelbaren Beziehungen immer noch an Überschaubarkeit gebunden. Aber schon haben wir ein dichtes Informationsnetz um die Erde gelegt, das nicht umsonst in seiner Arbeit unseren Gehirnen sehr ähnlich ist. Es bringt uns täglich Bilder und Informationen aus jedem Winkel der Welt. Die Zentren unserer Gehirne laufen auf Hochtouren bis an die Belastungsgrenzen.

Und immer häufiger zeigt sich bei besonderen Ereignissen, dass Menschen auch auf medial vermittelte Informationen mit Mitgefühl  und Solidarität reagieren können.

 

Ich mache mir keine Illusionen über die Gefahren und Leiden des Weges, der vor der künftigen Menschheit liegt. Aber wir werden nicht sagen können, dass die Evolution uns keine Möglichkeiten bereitgestellt hätte.

 

 

 

4. Konsequenzen für Ethik und Theologie

 

 

 

4.1 Schuld in einer Verantwortungsgemeinschaft

 

Die ausgewählten Ergebnisse aus der Hirnforschung zeigen uns also nicht den absolut frei und bewusst entscheidenden Menschen, aber doch seinen -wenn auch begrenzten- Spielraum für die Gestaltung von Leben und Welt.

 

Weil die Grenzen dieses Spielraums individuell höchst unterschiedlich verlaufen und nicht genau erkennbar sind, kann es keine starren Normen geben, an denen alle Menschen gleichermaßen gemessen und beurteilt werden. Wohl sind Kriterien notwendig zur Beurteilung von Handlungen, aber starre Messlatten zur Beurteilung von Menschen  stehen im Widerspruch zur prozesshaften Wirklichkeit.

 

Der persönliche Anteil an Schuld im Handeln von Menschen ist nicht eindeutig zu messen. Wo dieses Handeln anderen Menschen Leid zufügt, verpflichtet die Liebe, sich um die Leidenden zu kümmern und die Täter, wenn es möglich ist, an weiterem schädlichen Handeln zu hindern.

 

Aber das Schuldigwerden eines Menschen ist nach heutigen Denkmöglichkeiten kein von der vernetzten Wirklichkeit losgelöstes Einzelereignis. Es lässt sich am ehesten beschreiben als akuter Störfall, als Wunde, als Krankheit in einem lebendigen Organismus.

 

Dieses Bild zeigt die Einbindung eigener und fremder Schuld in einen vernetzten Prozess von Verantwortlichkeiten. Nicht umsonst sagt das Vaterunser nicht „Und vergib mir meine Schuld“, sondern „Und vergib uns unsere Schuld“.

 

Je nach Situation kann diese Perspektive als entlastend oder verschärfend erlebt werden. 

Sie kann wütende Abwehr hervorrufen bei der Vorstellung, für alles Leiden in der Welt in irgendeiner verborgenen Weise mitverantwortlich zu sein. Und sie kann auf der anderen Seite zu dem leichtfertigen Schluss führen, in der großen Vernetzung gefangen und deshalb nicht verantwortlich zu sein für die eigenen Verfehlungen. Beides hindert daran, Verantwortung zu übernehmen und nüchtern nach Möglichkeiten der Veränderung zu suchen. Unsere Alltagswirklichkeit liegt zwischen diesen beiden Extremen.

 

 

4.2  Vergebung als Heilungschance

 

In Ereignissen und Prozessen,  die von Gleichgültigkeit, Egoismus und Gewalt geprägt sind, zeigt sich Vergebung als Ort eines neuen Anfangs, als Chance, Heilung in Gang zu setzen für Opfer und Täter, für die beschädigte komplexe Welt.

 

Unter zwei Bedingungen kann Vergebung heilsam sein:

 

Zum einen darf sie die Leiden der Opfer nicht verdrängen und verschweigen. Sie bedeutet nicht Verharmlosen und Vergessen der Leiden. Angetanes Unrecht will benannt und betrauert sein, Vergebung will erbeten sein als Chance eines neuen Anfangs. So kann sie neue Lebensmöglichkeiten schaffen. Und sie wird unwirksam, wenn Täter mit ihrem lieblosen Tun fortfahren.

Auch darf den Opfern schwerer Gewalttaten Vergebung nicht als moralische Hochleistung  abverlangt werden. Vergebung kann ein langer Prozess sein, in dem die Opfer ein Anrecht auf liebevolle Begleitung haben, bis sie so gestärkt sind, dass sie auf Rache verzichten können.

 

Zum anderen muss Vergebung nicht nur gegeben, sondern auch angenommen werden. Menschen, die in Schuldgefühlen verharren, nachdem ihnen ihr Unrecht bewusst geworden ist, fügen so dem Schaden durch das falsche Tun einen weiteren hinzu. Sie können nichts in einen neuen Anfang einbringen, ohne Vergebung anzunehmen und sich selbst das Vergangene zu verzeihen. So wird kein Schaden geheilt.

 

 

4.3 Theologisches Reden zwischen Vergebung und Gericht

 

Vergebung annehmen heißt auch, sich auf Gottes Vergebung verlassen und sich nicht weiter von der Last  unerkannter Schuld lähmen lassen.

 

Immer wieder wird in biblischen Texten seine Vergebung zugesagt, es gibt viele Geschichten von Vergebungserfahrungen. Wie gehen wir dann aber um mit Texten wie in Matthäus 25, die von einem letzten, entscheidenden Gericht Gottes sprechen, in der die Menschen in „gut“ und „böse“ aufgeteilt werden und für alle Ewigkeit bei Gott leben dürfen oder in quälender Verdammnis leiden müssen? 

 

Wir nennen Jesus von Nazareth Gottes Sohn, weil er im völligen Vertrauen auf Gott inmitten täglicher Gewalterfahrungen auf Rache und Gegengewalt verzichtete und die Lebenskraft von Liebe und Vergebung  sichtbar machte. Deshalb wurde sein gewaltsamer Tod von denen, die ihn liebten, als endgültig letztes Opfer der Weltgeschichte gedeutet, in dem Gott ein für allemal Rache überflüssig macht und Vergebung an ihre Stelle setzt.

 

Doch schon zu der Zeit, als die Evangelien entstanden, war das Vertrauen der Urgemeinden in solche Lebenspraxis erschüttert. So entstanden aus der - manchmal recht zornigen - Kritik, die Jesus an den Mächtigen übte, Gerichtsreden wie in Matthäus 25. Sie droht den Menschen, die Empathie, Solidarität und Gerechtigkeit schuldig bleiben, die ewige Verdammnis an und setzt damit der göttlichen Vergebungsbereitschaft unüberwindliche Grenzen.  Diese Vorstellung vom göttlichen Endgericht, die entstanden ist aus der Entmutigung über endlose Greuel unter Menschen und Völkern, hat in zweitausend Jahren christlicher Tradition die Verkündigung in verhängnisvoller Weise beherrscht. 

 

Sie steht aber nicht nur im Widerspruch zur Wirklichkeitserfahrung unserer Zeit, die auch die größte menschliche Schuld nicht losgelöst von ihrer Vernetzung sieht, sondern auch im Selbstwiderspruch zu Predigt, Leben und Sterben Jesu von Nazareth. Und nicht umsonst ist in unseren Glaubensbekenntnissen vom ewigen Leben, nicht aber von der ewigen Verdammnis die Rede.

 

Was also tun mit den Texten vom göttlichen Endgericht? 

 

Wie lassen sich in einem wissenschaftlich geprägten Welt- und Menschenbild diese widersprüchlichen Zusammenhänge von Schuld, Strafe und Vergebung theologisch integrieren? Was haben sie zu tun mit der vernetzten Struktur unserer Wirklichkeit?

 

4.4  Leben in struktureller Sünde am Beispiel der nationalsozialistischen Verbrechen

 

Die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zeigt uns besonders deutlich, wie eine ganze Gesellschaft als Vernetzung so böse werden kann, dass sie Ungeheuerlichkeiten hervorbringt, obwohl sie nicht nur aus bösen Individuen besteht. In ungerechten Strukturen lernen Menschen - vor allem auch schon Kinder - ungerechtes Denken und Handeln, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. In zeitgenössischen Auslegungen der alten Erbsündenlehre sprechen Theologen deshalb von der strukturellen Sünde, in die Menschen hineingeboren werden. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist ein dramatisches Beispiel für das Leben in struktureller Sünde.

 

So sind die biblischen Texte vom Weltgericht zuerst einmal zu verstehen als eindringliche Mahnung zur Wachsamkeit in der irdischen Wirklichkeit. Um der Liebe willen, nicht um der Angst willen sind sie ernst zu nehmen. Es kann an einem bestimmten Punkt im großen vernetzten Prozess zu spät sein, eine Katastrophe mit unendlichen Leiden und Zerstörungen zu verhindern. Was dann geschieht, ist Gericht in der Weise, dass hier gemeinsam die Konsequenzen bösen Tuns erfahren werden.

 

Und wer am Ende des zweiten Weltkriegs im Untergang des mörderischen Nazi-Regimes die deutschen Städte in Schutt und Asche gesehen hat, wer das verzweifelte Suchen nach Angehörigen erlebt hat, wer aus der Hölle von Stalingrad entkommen ist, wer auf der großen Flucht nicht erfroren, verhungert, von hasserfüllten Feinden erschlagen worden ist, wird diese Erfahrungen von Gericht nie mehr vergessen.

 

Am Beispiel dieser Gerichtserfahrung wird die gemeinschaftliche Schuldverhaftung deutlich: Hier ist kein Richter, der nach Schuld oder Unschuld des Individuums fragt. Viele Mörder bleiben am leben, ungezählte am Krieg persönlich Unschuldige sterben einen gewaltsamen Tod. Auch wenn es unter der Perspektive der weltlichen Rechtsprechung keine Kollektivschuld gibt:  Das göttliche Gericht über eine ganze Gesellschaft in ihren lieblosen, gewalttätigen Vernetzungen ereignet sich wie eine Naturkatastrophe.

 

Aber auch gibt es im Blick auf die Millionen von Kriegstoten und Ermordeten eine heftige Anfrage nach Gerechtigkeit. Waren wirklich alle gleich schuldig? Hat der Text in Matthäus 25 nicht doch recht, wenn er so klar zwischen Guten und Bösen trennt? Wer von den Überlebenden gehörte zu den Gesegneten des Vaters, wer zu den Verfluchten? Verdankten die Gesegneten ihr gutes Handeln nur sich selbst?  Waren die Verfluchten nur selber schuldig an ihrem bösen Tun? Und welche Bedeutung hatte für beide Gruppen die Rückkehr in ein normales, vielleicht banales Leben von Jahren oder Jahrzehnten?

 

 

5. Gerichtspredigt und Vergebung

 

Sobald wir die Worte der Gerichtspredigt wörtlich nehmen als Sortierung von  Menschen oder Menschengruppen in Gute, die ewig unverändert gut sind und deshalb bei Gott leben dürfen, und Böse, die ewig unverändert böse sind und deshalb in die Gottesferne verbannt sind, kommen wir in unlösbare Widersprüche des Denkens.

 

Wenn wir uns fragen, was unsere Existenz bedeuten könnte in diesem komplexen Prozess des Lebens, in dem alles mit allem vernetzt ist, den wir verantwortlich mitgestalten sollen, obwohl er oft unser Verstehen übersteigt, dann macht es Sinn, die Worte der Gerichtspredigt zu verstehen als Bilder für unsere Orientierung in dieser Widersprüchlichkeit, als Bilder für das Gericht über unsere Entscheidungen, die als lieblose verflucht oder als liebevolle gesegnet werden.

Wir brauchen solche Bilder in den Situationen unseres Lebens, in denen wir zur Bilanz gedrängt werden. Wir brauchen die Freude über Gelungenes ebenso wie die schmerzhafte Reue über Verfehltes.

 

In diesem Verständnis scheidet Gottes Gericht  nicht böse und gute Menschen voneinander, sondern Gedanken, Worte und Werke, die gegen die Liebe gerichtet sind, von solchen, die ihr dienen. Liebe als Achtsamkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Vergebungsbereitschaft bekommt Zukunft verheißen: In ihrem Vollzug ist sie Leben bei Gott. Selbstsucht, Gleichgültigkeit, Gewalt und Unversöhnlichkeit werden auf ewig mit dem Schmerz eines sinnleeren Lebens verbunden bleiben: In ihrem Vollzug sind sie Leben in Gottesferne.

 

 

 

6. Eine biblische Vergebungsgeschichte

 

„Steh auf und iss, dein Weg ist weit!“ Mit diesen nüchternen Worten spricht Gott Elias an, der in der Wüste unter dem Wacholderbusch im Schlaf der Erschöpfung liegt. Nachdem er in einem Akt von religiösem Fanatismus 400 Priester der gegnerischen Baalsreligion umgebracht hat und nun vor der Rache auf der Flucht ist, fällt  er in eine tiefe Depression und will nur noch sterben. Seine Lebensbilanz heißt: „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ 

Für mich ist dieser Text eine besonders bewegende Vergebungsgeschichte, weil sich Vergebung hier ohne dramatische Gesten und Rituale allein auf den geschenkten neuen Anfang konzentriert. Elias wird, gestärkt mit Brot und Wasser, auf den weiten Weg zum Horeb geschickt, zum Berg der Gotteserkenntnis. Dort lernt er: Gott ist nicht in den zerstörerischen Mächten von Sturm, Erdbeben und Feuer zu finden, sondern begegnet im „stillen sanften Sausen“.

Diese Geschichte erzählt von einem Menschen, der in bitterer Reue über die eigene Gewalttätigkeit in einem religiösen Reifungsprozess zu einem Bild von Gott gelangt, mit dem sich Gewalt nicht mehr rechtfertigen lässt.

 

 

7. Vergebung als Überlebensvorteil im Schöpfungsprozess

 

„Steh auf und iss, dein Weg ist weit.“

 

Diese Worte könnten an die Menschen aller Zeiten gerichtet sein, die im göttlichen Schöpfungsprozess durch die Jahrtausende miteinander vernetzt sind. Im Glauben an den dreifaltigen Gott wird die Evolution zur Schöpfung, in die wir entlassen sind zum Erlernen der Liebe.

 

Es ist nicht gleichgültig, welches Bild von Gott wir in uns tragen. Und es ist immer untrennbar verbunden mit unserem Bild vom Menschen.

 

Das aggressive Bild vom Menschen, das im Missverstehen  der Thesen Darwins entworfen wurde, kann einem bestimmten theologischen Konzept durchaus entgegenkommen. Ein solches Konzept  wird dazu neigen, Gehorsam, Schuld und Strafe in den Mittelpunkt der Verkündigung zu stellen und damit den Tod Jesu als Opfer- und Sühnetod für den zornigen Gott.

 

Bis heute ist dieses Bild von Gott, der seinen Sohn als Blutopfer braucht, um den Menschen vergeben zu können, in den Frömmigkeitsformen der Passionszeit zu finden. Ein solches Gottesbild verstärkt wiederum das aggressive Menschenbild in den Köpfen, fördert Feindbilder und kann als Rechtfertigung dienen im Kampf gegen Ungehorsame, sprich: Ungläubige.

 

Die Antwort Jesu auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss, lässt sich schlicht im Sinn von „immer“ verstehen. Und im nachfolgenden Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger wird unmissverständlich klar, was Gott für seine Vergebung verlangt: die Bereitschaft, selbst zu vergeben. Von der Opferung seines Sohnes ist nicht die Rede, wohl aber von den Folterern, denen der Unbarmherzige ausgeliefert wird, „bis alles bezahlt ist“.

 

Welch ein Bild für die Geschichte der Menschen! Nichts anderes sagt uns die göttliche Forderung als das, was wir als Wirklichkeit täglich erfahren: Ohne Vergebung, ohne Unterbrechung von Gewalt und Verzicht auf Rache, ohne intensive Bemühung um Entfeindung können die Völker der Gewaltspirale nicht entkommen, an deren Ende eine zerstörte Erde stehen könnte und schon jetzt unsagbares Leiden.

So erweist sich Vergebung als überlebensnotwendig. Die Warnung des Gleichnisses will hier durchaus wörtlich verstanden sein. 

 

 

Wo Menschen aber die wunderbaren Möglichkeiten des menschlichen Denkens, Fühlens, Sprechens und Handelns als Schöpfungsauftrag annehmen, sich darin verbunden fühlen mit denen, die vor uns sich gemüht haben, mit denen, die mit uns suchen, und mit denen, die nach uns vielleicht noch schwere Wege gehen müssen, dort können sie die Geschichte des geduldigen Gottes mit den Menschen erkennen, die unendliche Geschichte aus Mühen und Freude, aus  Schuld und Vergebung.

 

 

 

 

8. Ausblick auf offene Fragen

 

Wenn die Evolution des Lebens als fortlaufender Schöpfungsprozess verstanden wird, in dem die Menschen von Gott zu Mitgestaltern ermächtigt sind, ordnet sich diese Perspektive nicht nahtlos in alle gewohnten christlichen Glaubenssätze ein.

 

Im Blick auf christliche Ethik gibt es da einmal die schon genannte Anfrage an die Liebe als zentrales Gebot und Kriterium für moralisches Handeln und verfehltes Leben. Im Sinne einer vernetzten Verantwortungsgemeinschaft sollten vielleicht Entfeindung, Vergebung und Versöhnung im Mittelpunkt der Überlegungen zu einer christlichen Ethik stehen. Damit ist das biblische Reden von der Liebe keinesfalls unwichtig geworden, es wird nur anders ausgelegt in einem veränderten Bild der Wirklichkeit. Geschichten aus der Arbeit engagierter Menschen und Friedensinitiativen im sozialen, gesellschaftlichen und politischen Kontext kommen bescheidener und lebensnäher daher als theologische Reflexionen über die Liebe.

 

 

Auch wichtige theologische Anfragen zum Thema konnten hier um einer verständlichen Struktur des Vortrags willen nicht entfaltet werden. Sie bilden ein eigenes Kapitel. Ich möchte aber die wichtigsten von ihnen als offene Fragen anfügen:

 

-         Wie lässt sich unter der hier entfalteten naturwissenschaftlichen Perspektive von Erlösung reden?

-         Was bedeutet unter dieser Perspektive das Bekenntnis, Jesus von Nazareth sei Gottes Sohn und der Christus?

-         Wie lässt sich das Wirken des Heiligen Geistes in den beschriebenen Strukturen verstehen?

 

 

 

 

 

Wethen, November 2007 ,überarbeitet im August 2009

 

Ute Schütze

 
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