Dies ist für mich eine der merkwürdigsten Geschichten aus den Evangelien. Die harten, verletzenden Worte Jesu und die unterwürfige Demut der Frau ärgern mich. Wie kommt dieser Text in die Evangelien, und das gleich zweimal? Denn in Matthäus 15 ist er ganz ähnlich zu finden. Dort ist die Weigerung Jesu noch provozierender dargestellt.
Wir kennen zwar auch aus anderen Texten einen wütenden Jesus, der die Geldhändler aus dem Tempel treibt und religiöse Heuchler mit wüsten Worten beschimpft. Aber immer gilt dabei sein Zorn den Mächtigen, die andere Menschen erniedrigen, oder ihren Knechten und Helfern. Aber in der Begegnung mit Menschen, die Hilfe und Ermutigung brauchen, zeigen die Evangelien Jesus immer wieder als ein Gegenüber von zartem Respekt.
Und nun diese feindseligen und verächtlichen Worte!
Ich wende mich zuerst wieder der Frauengestalt zu. Als ich ihre Antwort noch einmal lese, scheinen mir ihre klug gewählten Worte doch in merkwürdigem Gegensatz zu stehen zu unterwürfiger Demut. Kann es sein, dass sie mit erhobenem Kopf und entwaffnendem Lächeln zu Jesus gesprochen hat? „Ja, Herr, du hast recht. Den Kindern das Brot wegnehmen und es den Hunden geben – das darf man nicht. Aber wo Kinder essen, da krümeln sie herum. Und was dabei herunterfällt, können doch die Hunde fressen. Oder nimmt jemand die Brocken und legt sie wieder auf den Teller?“
Kennen wir nicht diese Art und Weise zu argumentieren? Zuerst werden die Worte des Gegners wörtlich verstanden und scheinbar ernst genommen. Dann werden sie übertrieben und überboten und damit lächerlich. Das ist Eulenspiegels Art und Weise, den Menschen, die ihn ohne Respekt behandeln, einen Spiegel vorzuhalten.
Wir wissen, was Jesus auf diese Eulenspiegelei antwortet: „Um dieses Wortes willensage ich dir, gehe hin, der böse Geist hat deine Tochter verlassen.“ Könnte es sein, dass auch er dabei lächelt? Gibt er sich mit dem Blick in diesen vorgehaltenen Spiegel geschlagen?
Etwas wohler ist mir nun schon mit dieser Geschichte. Und doch ist mir die Jesusgestalt, die hier als so menschenverachtend eingeführt wird, völlig fremd. Sie widerspricht nicht nur dem Jesusbild der übrigen Geschichten des Neuen Testamentes, sondern auch dem Kern der christlichen Verkündigung, die da heißt: Der Sohn Gottes ist zur Erlösung der Welt geboren, gestorben und auferstanden. Wozu dann hier die scharfe Abgrenzung gegen die Frau aus einer anderen Religion in den Worten Jesu?
Vielleicht ist diese Fremdheit der Schlüssel zum Verstehen des Textes?
Ich erinnere mich daran, was ich gelernt habe: Die Evangeliengeschichten sind nicht als biografische Berichte aus dem Leben Jesu zu lesen. Sie spiegeln nicht nur die überlieferten Erfahrungen derer, die ihm als Mensch wirklich begegnet sind, sondern auch das, was von dem Gottessohn in den Gemeinden Jahrzehnte nach seinem Tod geglaubt oder auch bezweifelt wurde, auch das, worüber zwischen Christen gestritten wurde.
Jesus ist die Hauptperson erzählter Geschichten.
Könnte dann die Jesusgestalt dieser Geschichte verstanden werden als ein verfremdeter Jesus und der ganze Text als ein Spiegel, der Christen von Christen vorgehalten wird?
Zu der Zeit, als die Evangelien aufgeschrieben wurden, gab es in vielen Gemeinden heftige Auseinandersetzungen darüber, wem Gottes Heilshandeln galt: nur den getauften Christen, auch den Juden in den Synagogen, auch den Heiden? Waren Christen unterschiedslos für alle Menschen verantwortlich? Konnten sich bekehrte Heiden einfach taufen lassen, oder mussten sie zuerst das jüdische Gesetz annehmen und befolgen?
Wie mögen Nicht-Christen diese Streitereien wahrgenommen haben unter Menschen, die doch der Welt die befreiende Liebe Gottes predigten? Nicht anders als heute wird wohl die Christen manch spöttischer Blick von außen getroffen haben.
Mitten in diese Situation hinein hält nun unsere Geschichte dem lieblosen Denken einen Spiegel vor:
Seht her! Das habt ihr aus Jesus gemacht, den ihr als Gottes Sohn verkündet. Ihr lasst ihn in Euren Geschichten Frieden predigen und in Wirklichkeit Feindschaft säen. Denn nicht euren Worten, sondern eurem Leben glauben die Menschen.
Während die Welt um euch in Not und Gewalt versinkt, streitet ihr euch um die Richtigkeit eurer theologischen Gedanken, beschäftigt euch mit euren Rechtfertigungen, mit eurem Vorsprung auf dem Weg zum ewigen Leben. Ihr nehmt den Gottessohn für euch in Anspruch wie einen Stammesgott. So zieht ihr die Grenzen zwischen euch und der Welt.
Seht her, das habt ihr aus Jesus gemacht.
Seht her! Eine Frau aus den Völkern der Heiden zeigt euch, wie Entfeindung aussieht. Sie weiß nichts von Jesus, als dass er Menschen heilt. Darauf setzt sie ihr Vertrauen, das gibt ihr Gelassenheit. So kann sie die Anfeindung Jesu mit einem klugen Scherz überwinden. Sie redet mit Jesus, als sei er nicht ihr Feind. So öffnet sie sein Herz.
Seht her! So sieht Entfeindung aus. Von euch sollten die Völker es lernen. Nun müsst ihr es von einer Heidin lernen!
So verstanden wäre der Text in zweifacher Weise ein Spiegel:
Zum einen zeigt er in der heidnischen Frau den etwas spöttischen Blick der Welt auf Christen, der aber trotzdem nicht ohne Vertrauen ist.
Zum anderen spiegelt er scharfe Kritik von Christen an Christen, die in der Verfremdung der Jesusgestalt drastisch zeigt, wie Lieblosigkeit die christliche Botschaft für die Welt verdunkelt.
Eins bleibt uns noch zu bedenken für unsere Geschichte: Wir haben noch nicht über die kranke Tochter gesprochen, die in der Szene nicht selber auftritt. Von ihr wird gesagt, dass sie von einem bösen Geist besessen ist. Ihre Mutter setzt ihre Hoffnung darauf, dass dieser Jesus, den die Christen Gottes Sohn nennen, das Mädchen von dem Dämon befreien kann.
Besessensein von bösen Geistern – das halten wir gerne für einen Aberglauben vergangener Jahrhunderte oder ordnen es bestimmten psychischen Erkrankungen zu. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob hinter den Erzählungen aus der Zeit Jesu nicht auch Erfahrungen stehen, die wir heute mit einer Art von Besessenheit machen, für die kein Arzt zuständig ist: Ich meine das Gefangensein des Geistes in einem Weltbild, in dem das irdische Leben – auch das eigene – jeden Wert verliert und zerstörerische Gewalt zum göttlichen Auftrag wird. Ich meine die Besessenheit von Terroristen und Selbstmordattentätern.
Zwar wird sie von Menschen erzeugt und gesteuert, oft bewusst missbraucht. Aber ihre verheerenden Wirkungen im Denken, Fühlen und Handeln der Täter lassen sich wohl als dämonische Kraft beschreiben. Für die möglichen Opfer, oft aber auch für die Familien und Freunde der so Besessenen ist dies eine Situation von Ohnmacht und Schrecken.
Erhoffen Menschen heute ebenso wie die Frau aus unserer Geschichte von den Christen Heilung von der Besessenheit des Terrors?
Und haben Christen der Welt etwas anderes anzubieten als die Vernichtung der Terroristen mitsamt allen, die als ihre Förderer verdächtigt sind und ungezählten Unschuldigen, deren Tod zynisch als unerwünschte Nebenwirkung verharmlost wird?
Sie haben. Sie müssen sich nur trauen, es in politisches Handeln umzusetzen. Respekt, Gerechtigkeit und Solidarität sind der Boden, auf dem friedvolle Beziehungen und Leben ohne Terror wachsen können. Alle drei sind den Völkern und Gruppen, in denen Terroristen stark wurden, über Jahrzehnte und Jahrhunderte vorenthalten worden und zwar auch und vor allem von Mächten, die sich selbst als christlich ansehen.
Hassprediger können ihre Saat der Gewalt nur aussäen auf diesem Boden von Demütigung, Ohnmacht und Verzweiflung. Und zu heilen ist die Besessenheit der Terroristen mit keiner anderen Arznei als mit Respekt, Gerechtigkeit und Solidarität für ihre Völker.
Das ist freilich ein langer Weg der geduldigen Entfeindung, denn die Feindschaften sitzen tief.Ein schnelles Happy-End wie in unserer Geschichte gibt es nicht. Er erfordert Mut, selbstkritische Aufrichtigkeit, Nüchternheit und einen langen Atem.
Aber ich sehe für Christen, die in der Nachfolge des Gottessohnes an der Befreiung vom Terror arbeiten wollen, keine Alternative. Anderes als die Kraft von Respekt, Gerechtigkeit und Solidarität haben sie nicht im Gepäck. Dieser Kraft vertrauen, aufstehen gegen die Politik von Gewalt und Gegengewalt, bestehen auf der Einhaltung von Würde und Menschenrechten auch für den Terroristen vor Gericht, Politiker stärken, die den Weg der Entfeindung gehen wollen, in Alltagsbegegnungen für diesen Weg eintreten – das ist eine Gestalt christlichen Glaubens, die die Welt jetzt dringend braucht.
Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.
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Das bin ich:
1. Ute Koske, geboren 1941 in finsteren Zeiten, nach dem Tod des Vaters aufgewachsen bei der Mutter, erzogen in Familie und Schule ohne kritische Fragen zur eigenen Geschichte, verwurzelt in kindlichem Glauben an eine jenseitige Welt und einen himmlischen Vater.
2. Ute Schütze, Ehefrau, Mutter von zwei Kindern, Lehrerin, aufgebrochen aus Kinderglauben und Individualismus, in Richtung auf geschichtliche und gesellschaftliche Verantwortung mit religionskritischen bis atheistischen Denkstrukturen.
3. Ute Schütze geb. Koske, Studium der Theologie (in Angrenzung an Gesellschaft, Naturwissenschaft, Tiefenpsychologie ), in Bochum mit der Magisterprüfung abgeschlossen, geschieden, zur Zeit in einer Hausgemeinschaft des Laurentiuskonvents (-> siehe Linkliste) lebend, beschäftigt mit Fragen des christlichen Glaubens im Dialog mit Lebenswelten, Wissenschaften und Gesellschaft.